Im Rahmen des ERC-Projekts INTER.SECT fand am 8. Oktober 2025 in Kooperation mit dem Center for Uncertainty Studies (CeUS) das Symposium „Shifting Grounds: Rethinking and navigating the uncertainty of migration trajectories, governance regimes, and research“ statt. Die Veranstaltung bot eine Plattform für interdisziplinären Austausch zum Thema Unsicherheit bzw. Ungewissheit (Uncertainty) im Migrationskontext. Knapp 50 Teilnehmende aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und von internationalen Organisationen diskutierten, wie sich Ungewissheit als analytisches Konzept in der Migrationsforschung und -politik bemerkbar macht und wie es sich produktiv und konstruktiv nutzen lässt. In drei thematischen Blöcken im Plenum sowie einem Posterwalk beleuchteten vielfältige Beiträge die subjektiven Erfahrungen von Unsicherheit entlang von Migrationsverläufen, die Rolle globaler Governance-Strukturen sowie Herausforderungen bei der Wissensproduktion.
Nach der Einführung von Prof. Dr. Kayvan Bozorgmehr, der Unsicherheit als Gesundheitsdeterminante sowie politisches und methodisches Phänomen beschrieb, bot Prof. Dr. Herbert Dawid als Vertreter des CeUS einen konzeptionellen Rahmen: Ungewissheit ist kontextabhängig, perspektivisch bedingt, relational und verlangt nach disziplinübergreifender Verständigung.
Im ersten thematischen Block zu „Subjectivities across the migration trajectory“ wurde anhand des Erfahrungsberichts der NGO „Here to Support“ (vertreten durch Fanny van der Vooren und Hamo Salhein) deutlich, wie prekäre Lebenslagen den Alltag und die Gesundheit undokumentierter Migrant*innen prägen, aber auch wie Dialog und Gemeinschaft Sicherheit und damit Gewissheit zu bestehenden Rechten schaffen können. Eilin Rast präsentierte im Anschluss Ergebnisse des im Rahmen von INTER.SECT durchgeführten konzeptionellen Reviews zu Unsicherheiten im Kontext von Migrationsverläufen und Bezügen zu Gesundheit.
Im Rahmen des Posterwalks wurden Einblicke in die Unsicherheiten in spezifischen Migrationskontexten gegeben, die empirische Beispiele für die am Morgen diskutieren konzeptionellen Aspekte von Unsicherheit lieferten. Zudem wurden interdisziplinäre Perspektiven aus der Graduate School “Health Policy and Systems in Uncertainties” präsentiert sowie Unsicherheit als Chance in der Pflegepraxis diskutieren.
Im zweiten Block im Plenarsaal zu „Migration regimes and global governance“ diskutierten Dr. Santino Severoni von der Weltgesundheitsorganisation und Dr. Poonam Dhavan von der Internationalen Organisation für Migration, wie internationale Organisationen gegenwärtigen globalen Dynamiken und der Erschütterung multilateraler Systeme begegnen und dabei zwischen politischer Steuerung, humanitären Prinzipien und der Notwendigkeit datenbasierter, resilienter Ansätze im Bereich Migration navigieren. Dr. Federica Zardo verdeutlichte basierend auf dem EU-Forschungsprojekt QuantMig, dass europäische Migrationspolitik nicht nur versucht, migrationsbezogene Unsicherheit (z.B. bedingt durch unvorhersehbare Migrationsdynamiken und fehlende Daten) einzudämmen, sondern dabei auch selbst Ungewissheit für Migrationsentscheidungen produziert.
Als finaler Block teilten Prof. Dr. Kayvan Bozorgmehr, Marita Selig und Armin Küchler Erfahrungen hinsichtlich vielschichtigen und inhärenten Unsicherheiten aus der migrationsbezogenen Forschungspraxis, darunter aus vorangehenden Projekten (RESPOND und NEXUS) und dem laufenden Projekt „Resettlement: Life in the Country of First Refuge and in Germany (RED)“. Der Block wurde abgerundet durch einen methodischen Beitrag von Prof. Dr. Simon Kühne, in dem die Herausforderungen von Stichproben und Gewichtung in der empirischen Sozialforschung und damit einhergehende Unsicherheiten dargelegt wurden.
Im Rahmen der Beiträge und Diskussionen im Plenum und Kleingruppen wurde Unsicherheit als Linse auf verschiedenen Ebenen und aus verschiedenen Perspektiven angewandt. Dabei trat auch die Ambivalenz von Unsicherheit hervor, welche sowohl negative aber auch positive Facetten haben kann, etwa als Ausgangspunkt für Hoffnung, Anpassungsfähigkeit und neue Handlungsräume. Zudem zeigte sich, dass Migrationspolitik selbst Unsicherheiten erzeugt, wodurch sich die Frage nach einem produktiven Umgang mit Unsicherheit auf politischer Ebene ergibt. Aus Forschungsperspektive zeichnet sich die Herausforderung, Unsicherheit zu operationalisieren und damit empirisch messbar zu machen ab. Der Tag endete mit einem intensiven Austausch über diese und weitere offene Fragen und der Planung einer gemeinsamen Publikation, in der zentrale Erkenntnisse und theoretische Impulse des Symposiums weiterverfolgt werden sollen.